Im Bescheid steht eine Zahl, die niemand erklärt: 67,5. Darunter der Satz, dass Pflegegrad 3 festgestellt wurde. Zweieinhalb Punkte fehlen zu Pflegegrad 4, und weil im ganzen Schreiben nicht steht, woher diese Punkte kommen, weiß niemand, wo man ansetzen könnte.
Genau darum geht es hier: nicht um Minuten, sondern um die Rechnung dahinter. Wer sie einmal verstanden hat, liest jedes Gutachten anders.
Warum es die alte Tabelle nicht mehr gibt
Bis 2016 wurde in Minuten gerechnet. Ein Gutachter schätzte, wie lange Waschen, Ankleiden und Essenreichen täglich dauern, und ab einer bestimmten Minutenzahl gab es eine Pflegestufe. Wer heute nach einer Zeitaufwand-Tabelle für Pflegegrad 4 sucht, sucht deshalb nach einem Werkzeug, das es nicht mehr gibt.
Seit 2017 zählt eine andere Frage: Wie selbstständig ist die Person noch? Nicht, wie lange jemand hilft, sondern ob und wie stark geholfen werden muss. Das klingt nach einer Kleinigkeit, ändert aber alles. Jemand mit fortgeschrittener Demenz kann körperlich fit sein und trotzdem hohe Punktwerte erreichen, weil er ohne Aufforderung nicht isst und nachts das Haus verlässt. Nach der alten Minutenlogik wäre er durchgefallen.
Die sechs Module und was sie wiegen
Das Begutachtungsinstrument ist in sechs Module gegliedert. In jedem Modul werden Einzelpunkte vergeben, diese Summe fällt in einen Punktbereich, und dem Punktbereich sind feste gewichtete Punkte zugeordnet. Erst diese gewichteten Punkte werden addiert.
| Modul | Gewicht | Maximal erreichbare gewichtete Punkte |
|---|---|---|
| 1 Mobilität | 10 % | 10 |
| 2 Kognitive und kommunikative Fähigkeiten | 15 % (gemeinsam mit Modul 3) | 15 |
| 3 Verhaltensweisen und psychische Problemlagen | siehe Modul 2 | – |
| 4 Selbstversorgung | 40 % | 40 |
| 5 Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen | 20 % | 20 |
| 6 Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte | 15 % | 15 |
Zwei Dinge fallen sofort auf. Erstens: Die Selbstversorgung entscheidet über 40 der 100 möglichen Punkte. Waschen, Ankleiden, Essen, Trinken, Toilettengang. Ohne hohe Werte in diesem Modul ist Pflegegrad 4 rechnerisch kaum erreichbar.
Zweitens: Die Module 2 und 3 teilen sich 15 Prozent. Angerechnet wird der höchste Wert aus einem der beiden Module, nicht deren Summe. Für Familien, die mit Demenz und mit herausforderndem Verhalten zugleich umgehen, ist das eine bittere Nachricht: Beides zusammen bringt nicht mehr Punkte als das Schwerere allein.
Ein Rechenbeispiel, das die Sache greifbar macht
Nehmen wir eine 84-jährige Frau nach einem Schlaganfall, die zu Hause von ihrer Tochter versorgt wird. So könnte ihre Bewertung aussehen:
- Modul 1, Mobilität: unselbstständig beim Aufstehen, Umsetzen und Treppensteigen. Schwerste Beeinträchtigung, also 10 gewichtete Punkte.
- Modul 2/3: zeitlich und örtlich meist nicht orientiert, Gespräche nur in einfachen Sätzen. Schwere Beeinträchtigung, also 11,25 gewichtete Punkte.
- Modul 4, Selbstversorgung: Waschen, Ankleiden und Toilettengang nur mit vollständiger Übernahme, Essen mit Anreichen. Schwere Beeinträchtigung, also 30 gewichtete Punkte.
- Modul 5: tägliche Medikamentengabe, Blutzuckermessung, regelmäßige Arztbesuche und Verbandwechsel. 15 gewichtete Punkte.
- Modul 6: Tagesstruktur nur mit Anleitung, kaum eigene Kontakte. Geringe Beeinträchtigung in diesem Modul, also 3,75 gewichtete Punkte.
Zusammengezählt: 10 + 11,25 + 30 + 15 + 3,75 = 70 Punkte. Damit genau an der Schwelle zu Pflegegrad 4.
Jetzt der lehrreiche Teil. Ändern Sie in diesem Beispiel nur ein einziges Modul, und zwar Modul 4 von schwerer auf erhebliche Beeinträchtigung, dann fallen dort 30 auf 20 Punkte. Ergebnis: 60 Punkte, Pflegegrad 3. Ein Modul, zehn Punkte, ein ganzer Pflegegrad Unterschied. Und wäre stattdessen nur Modul 1 eine Stufe niedriger bewertet, stünden 67,5 Punkte im Bescheid – der Wert vom Anfang dieses Textes.
Deshalb lohnt es sich, vor der Begutachtung nicht über Stunden nachzudenken, sondern über die eine Frage: Was genau kann diese Person ohne Hilfe noch tun, und was nicht mehr?

Wo im Gutachten die Punkte verloren gehen
Drei Muster tauchen immer wieder auf, und alle drei lassen sich vorher entschärfen.
Der gute Tag. Am Vormittag des Termins ist die Mutter wach, aufgeräumt und höflich, weil Besuch da ist. Sie steht auf, ohne dass jemand hilft, und antwortet auf jede Frage. Was der Gutachter sieht, ist nicht der Durchschnitt der letzten Wochen. Sagen Sie das ruhig offen im Termin, statt hinterher zu widersprechen.
Das Aufräumen vor dem Besuch. Verständlich, aber kontraproduktiv. Die Wohnung wird geputzt, frische Wäsche liegt bereit, die Medikamentenbox ist ordentlich sortiert. Genau diese Dinge sind Belege für die Hilfe, die täglich geleistet wird. Sie müssen nichts inszenieren, aber Sie müssen auch nichts verstecken.
Das Unterschätzen der Anleitung. Viele Angehörige geben an, ihre Mutter wasche sich selbst. Auf Nachfrage stellt sich heraus: Sie muss dreimal aufgefordert werden, jemand legt die Sachen bereit, jemand bleibt daneben stehen. In der Systematik ist das keine Selbstständigkeit. Sie können den Unterschied im Termin selbst benennen.
Das wirksamste Werkzeug bleibt ein einfaches Pflegetagebuch über zwei Wochen: Datum, Uhrzeit, was war nötig, wie oft musste aufgefordert werden, was ging gar nicht mehr. Zwei Wochen reichen, um ein realistisches Bild zu zeichnen. Wie der Antrag insgesamt abläuft, steht im Beitrag Pflegegrad beantragen.
Knapp unter 70 Punkten: was jetzt sinnvoll ist
Fordern Sie zuerst das vollständige Gutachten an. Sie haben Anspruch darauf, und darin steht modulweise, welche Einzelpunkte vergeben wurden. Erst damit lässt sich beurteilen, ob überhaupt und wo widersprochen werden sollte.
Gegen den Bescheid können Sie innerhalb eines Monats nach Zugang Widerspruch einlegen. Begründen Sie ihn nicht pauschal, sondern modulweise: In welchem Modul weicht die Bewertung von Ihrem Alltag ab, und woran machen Sie das fest? Ein Widerspruch, der in Modul 4 drei konkrete Situationen schildert, ist stärker als einer, der die Gesamtsituation beklagt.
Und wenn sich der Zustand nach dem Bescheid verschlechtert, warten Sie nicht auf eine Wiederholungsbegutachtung. Ein Höherstufungsantrag ist jederzeit möglich. Zum Vergleich mit der Stufe darunter lohnt der Blick auf Pflegegrad 3 und den Zeitaufwand.
Was Pflegegrad 4 praktisch bedeutet
Der Sprung von Pflegegrad 3 auf 4 verändert die monatlichen Beträge deutlich, außerdem den Rahmen für Pflegesachleistungen und für die vollstationäre Versorgung. Welche Leistungen konkret dazugehören und wie hoch sie ausfallen, ist im Beitrag Pflegegrad 4: Leistungen, Geld und Voraussetzungen zusammengestellt.
Unverändert bleibt eine Leistung, die es schon ab Pflegegrad 1 gibt und die viele Familien trotzdem nicht abrufen: die monatliche Pauschale für Pflegehilfsmittel zum Verbrauch. Was dabei bei Pflegegrad 4 und 5 sinnvoll ist, steht unter Pflegehilfsmittel bei Pflegegrad 4 und 5.
Häufige Fragen
Wie viele Punkte braucht man für Pflegegrad 4?
Gibt es eine Zeitaufwand-Tabelle in Minuten für Pflegegrad 4?
Welches Modul ist am wichtigsten?
Werden Modul 2 und Modul 3 addiert?
Was tun, wenn nur wenige Punkte zu Pflegegrad 4 fehlen?
Kann sich der Pflegegrad auch ohne neuen Antrag ändern?
Der eine Satz, der weiterhilft
Wenn im Bescheid eine Zahl knapp unter 70 steht, ist das kein endgültiges Urteil, sondern eine Rechnung mit sechs Posten. Lassen Sie sich das Gutachten geben, suchen Sie das Modul, das nicht zu Ihrem Alltag passt, und schreiben Sie genau dazu drei Sätze auf. Das ist der Unterschied zwischen einem Widerspruch, der Aussicht hat, und einem, der keine hat.
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