In der Pflege begegnet einem das Wort „Prophylaxe" ständig – auf dem Pflegeplan, im Gespräch mit dem Pflegedienst, in Ratgebern. Dahinter steckt ein einfacher Gedanke: vorbeugen, bevor ein Problem überhaupt entsteht. Wer einen Menschen zu Hause pflegt, kann mit ein paar Grundregeln erstaunlich viel verhindern – von wunden Stellen bis zum Sturz. Dieser Überblick zeigt, welche Prophylaxen im häuslichen Alltag wirklich zählen, was dahintersteckt und wo Angehörige selbst aktiv werden können.
Was bedeutet Prophylaxe in der Pflege?
Das Wort kommt aus dem Griechischen und heißt sinngemäß „Vorbeugung". In der Pflege sind damit alle Maßnahmen gemeint, die verhindern sollen, dass aus einer Pflegesituation zusätzliche gesundheitliche Probleme entstehen. Wer viel liegt, bewegt sich wenig – und genau daraus können Druckstellen, Thrombosen oder eine Lungenentzündung entstehen. Prophylaxe setzt an, bevor es so weit kommt.
Wichtig ist: Welche Prophylaxe im Vordergrund steht, richtet sich nach dem individuellen Risiko. Ein sturzgefährdeter, aber mobiler Mensch braucht einen anderen Schwerpunkt als jemand, der überwiegend im Bett liegt. Der Pflegedienst oder die behandelnde Ärztin schätzt dieses Risiko ein und stimmt die Maßnahmen darauf ab.
Die wichtigsten Prophylaxen im Überblick
Dekubitusprophylaxe schützt vor dem Wundliegen. Durch regelmäßiges Umlagern, druckentlastende Hilfsmittel und gute Hautbeobachtung lässt sich ein Druckgeschwür meist verhindern. Wie das Schritt für Schritt gelingt, zeigt der Ratgeber Dekubitus vorbeugen zu Hause.
Sturzprophylaxe senkt das Risiko für Stürze, eine der häufigsten Ursachen für Krankenhausaufenthalte im Alter. Haltegriffe, gutes Licht, festes Schuhwerk und Bewegungstraining gehören dazu – ausführlich beschrieben unter Sturzprophylaxe zu Hause.
Thromboseprophylaxe beugt Blutgerinnseln in den Beinvenen vor. Bewegung, Beine hochlegen, ausreichend trinken und – wenn ärztlich verordnet – Kompressionsstrümpfe sind die Bausteine.
Pneumonieprophylaxe schützt die Lunge. Aufrechtes Sitzen, frische Luft, Atemübungen und regelmäßiges Bewegen halten die Atemwege frei, gerade bei bettlägerigen Menschen.
Kontrakturprophylaxe hält Gelenke beweglich, damit sie nicht versteifen. Sanftes, regelmäßiges Bewegen der Gelenke ist entscheidend – schonende Techniken dafür beschreibt der Ratgeber zur Kinästhetik in der Pflege.
Dazu kommen kleinere, aber wichtige Bausteine: die Mundpflege beugt Soor und Entzündungen vor, und der Schutz der Hautfalten verhindert wunde, gereizte Stellen. Eine gute Hautpflege mit der passenden Körperlotion ist dabei die einfachste und wirksamste Grundlage.
Welche Prophylaxen gibt es? Die zehn klassischen Bereiche
In Pflegeausbildung und Pflegeplanung tauchen meist zehn Prophylaxen auf. Nicht jede ist in jedem Haushalt relevant, aber die Übersicht hilft, das eigene Risiko einzuordnen und dem Pflegedienst die richtigen Fragen zu stellen.
| Prophylaxe | Wer ist besonders gefährdet? | Kernmaßnahme zu Hause | Warnzeichen |
|---|---|---|---|
| Dekubitus | Menschen, die viel liegen oder sitzen und sich kaum selbst bewegen | Positionswechsel, Druckentlastung, tägliche Hautkontrolle | Rötung, die sich nicht wegdrücken lässt |
| Sturz | Gangunsicherheit, Schwindel, schlechtes Sehen, viele Medikamente | Stolperfallen entfernen, Haltegriffe, gutes Licht, festes Schuhwerk | Beinahe-Stürze, Festhalten an Möbeln |
| Thrombose | Bettlägerigkeit, Zeit nach Operationen, Beinvenenleiden | Bewegung, Beine hochlagern, trinken, verordnete Kompression | einseitige Schwellung, Schmerz oder Wärme im Bein |
| Pneumonie | Bettlägerigkeit, flache Atmung, Schluckstörungen | aufrecht sitzen, tief durchatmen, lüften, mobilisieren | Fieber, Husten, schnelle Atmung |
| Kontraktur | dauerhafte Schonhaltung, Lähmungen, langes Liegen | Gelenke täglich sanft durchbewegen | zunehmend steife Gelenke |
| Intertrigo (Wundsein in Hautfalten) | Übergewicht, starkes Schwitzen, Inkontinenz | Hautfalten trocken halten, atmungsaktive Kleidung, hautschonende Reinigung | rote, nässende Stellen unter Brust, Bauchfalte oder Leiste |
| Soor und Parotitis (Mund- und Speicheldrüsenentzündung) | wenig Kauen, Mundtrockenheit, Zahnprothesen, Sondenkost | regelmäßige Mundpflege, Kauen anregen, Lippen pflegen | weiße Beläge, Schmerzen beim Schlucken |
| Obstipation | wenig Bewegung, wenig Flüssigkeit, bestimmte Medikamente | Ballaststoffe, trinken, Bewegung, feste Toilettenzeiten | mehr als drei Tage ohne Stuhlgang, Bauchschmerzen |
| Dehydratation | vermindertes Durstgefühl, Demenz, Fieber, Hitze | Trinkplan, Getränke sichtbar bereitstellen, Lieblingsgetränke anbieten | trockene Lippen, Verwirrtheit, konzentrierter Urin |
| Harnwegsinfekt | Inkontinenz, Blasenkatheter, wenig trinken | Intimpflege von vorn nach hinten, trinken, Inkontinenzmaterial zeitnah wechseln | Brennen, trüber oder übel riechender Urin, plötzliche Verwirrtheit |
Bei Thrombose, Pneumonie, Harnwegsinfekt und Dehydratation gilt: Die Warnzeichen gehören zeitnah in ärztliche Hände. Prophylaxe ersetzt keine Behandlung, sie soll sie überflüssig machen. Für die Mundpflege beschreibt der Ratgeber Mundpflege bei Pflegebedürftigen die einzelnen Schritte, für Kompressionsstrümpfe hilft die Anleitung zum Anziehen von Kompressionsstrümpfen.
Risiko einschätzen: so gehen Pflegefachkräfte vor
Professionelle Pflege arbeitet bei den beiden häufigsten Prophylaxen nach den Expertenstandards des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) zur Dekubitus- und Sturzprophylaxe. Der Kern beider Standards: Zuerst wird das individuelle Risiko eingeschätzt und dokumentiert, dann werden die Maßnahmen darauf zugeschnitten und regelmäßig überprüft. Ein Pflegedienst hält diese Einschätzung in der Pflegedokumentation fest. Angehörige dürfen danach fragen und sollten wissen, welche Risiken bei ihrem Familienmitglied als hoch gelten.
Zwei Werkzeuge daraus taugen auch für den Hausgebrauch. Der Fingertest bei Rötungen: Drückt man mit dem Finger kurz auf eine gerötete Hautstelle und wird sie dabei nicht blass, ist das bereits ein Dekubitus der Kategorie 1. Die Stelle muss dann sofort vollständig druckfrei gelagert werden. Und die Trinkbilanz: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt als Richtwert für Menschen ab 65 Jahren rund 1,3 Liter Flüssigkeit pro Tag über Getränke. Eine Strichliste am Kühlschrank oder eine Karaffe mit der Tagesmenge macht sichtbar, ob das erreicht wird. Achtung: Bei Herz- oder Nierenerkrankungen legt die Ärztin oder der Arzt die Trinkmenge fest, dann gilt diese Vorgabe.
Wer Pflegegeld bezieht, hat zudem einen festen Anlass, die Prophylaxen prüfen zu lassen: den Beratungsbesuch nach § 37 Abs. 3 SGB XI, der bei Pflegegrad 2 bis 5 halbjährlich abzurufen ist (Pflegegrad 4 und 5 können ihn vierteljährlich nutzen). Die Pflegefachkraft schaut sich dabei die Pflegesituation an – ein guter Moment, gezielt nach Lagerung, Hautzustand und Sturzgefahr zu fragen.
Vier Grundprinzipien, die fast alles tragen
Man muss sich nicht jede einzelne Prophylaxe merken. Fast alle Maßnahmen lassen sich auf wenige Grundregeln zurückführen. Wer diese im Alltag beachtet, deckt schon einen großen Teil ab:
Die Grundregeln der Prophylaxe im Pflegealltag
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Ein Beispiel aus dem Alltag
Frau M., 79, ist nach einem Sturz zeitweise bettlägerig und wird von ihrem Sohn gepflegt. Gemeinsam mit dem Pflegedienst haben sie einen einfachen Rhythmus gefunden: Tagsüber wird Frau M. regelmäßig umgelagert und, so oft es geht, an die Bettkante oder in den Sessel gesetzt – das hält Haut, Lunge und Gelenke in Bewegung. Der Sohn cremt die Haut morgens ein und schaut dabei nach Rötungen. Ein Glas Wasser steht immer griffbereit. Waschhandschuhe, Hautschutz und Einmalunterlagen laufen über die Pflegehilfsmittel-Pauschale. Was zu Hause bei längerer Bettlägerigkeit sonst noch hilft, fasst der Ratgeber zur Pflege bei Bettlägerigkeit zusammen. So bleibt vieles gar nicht erst zum Problem.
Hinweis: Dieser Ratgeber gibt einen allgemeinen Überblick und ersetzt keine individuelle pflegerische oder ärztliche Beratung. Welche Prophylaxen in Ihrem Fall wichtig sind, klären Sie am besten mit dem Pflegedienst oder der behandelnden Ärztin.
Häufige Fragen zur Prophylaxe in der Pflege
Was versteht man unter Prophylaxe in der Pflege?
Welche Prophylaxen sind zu Hause am wichtigsten?
Können Angehörige Prophylaxe selbst übernehmen?
Zahlt die Pflegekasse Hilfsmittel für die Prophylaxe?
Das Wichtigste zum Schluss
Prophylaxe klingt fachlich, ist im Kern aber Alltagswissen: in Bewegung bleiben, die Haut pflegen, genug trinken und die Position wechseln. Wer diese Grundregeln beherzigt und bei Unsicherheit den Pflegedienst einbezieht, verhindert viele Probleme, bevor sie entstehen. Weitere praktische Hilfen für die Versorgung zu Hause finden Sie im großen Pflegebox-Ratgeber.
Welche Aufgaben im Pflegealltag zu Hause insgesamt anfallen und wer sie übernehmen darf, ordnet der Überblick zu den pflegerischen Maßnahmen zu Hause ein.
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